Die Diakonie Stetten und die Landesärztekammer Baden-Württemberg haben einen Anamnesebogen in Leichter Sprache veröffentlicht. Menschen mit geistigen Behinderungen oder anderen Einschränkungen sollen damit medizinische Angaben künftig einfacher machen können.
Einfache Sprache und Bilder
Der Fragebogen unterstützt Patienten dabei, Informationen zu Beschwerden, Vorerkrankungen oder Medikamenten verständlich auszufüllen. Verwendet werden kurze und einfache Formulierungen. Fachbegriffe werden erläutert, zusätzlich helfen Bilder beim Verständnis der Fragen.
Projekt aus praktischen Erfahrungen entstanden
Entwickelt wurde der Anamnesebogen vom Fachdienst Unterstützte Kommunikation und Leichte Sprache der Diakonie Stetten. Die Idee entstand nach Angaben der Beteiligten aus Erfahrungen innerhalb einer Prüfgruppe, in der Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen Texte auf Verständlichkeit prüfen. Dabei habe sich gezeigt, dass herkömmliche Anamnesebögen häufig schwer verständlich seien.
Im Zusammenhang mit dem Internationalen Tag der Leichten Sprache wurde das Thema erneut aufgegriffen und anschließend gemeinsam mit der Landesärztekammer Baden-Württemberg umgesetzt.
Beitrag zu mehr Barrierefreiheit
Die Landesärztekammer sieht in dem Angebot einen Beitrag zu mehr Barrierefreiheit im Gesundheitswesen. Gleichzeitig könne der Aufwand für Erklärungen im Praxisalltag reduziert werden. Ärzte erhielten dadurch schneller vollständige Informationen zum Gesundheitszustand ihrer Patienten.
Der Anamnesebogen soll künftig in Arztpraxen und Kliniken in Baden-Württemberg eingesetzt werden. Patienten können den Bogen zudem bereits vor dem Arztbesuch zu Hause ausfüllen und mitbringen.
Kommentar:
Menschen mit geistigen Behinderungen oder kognitiven Einschränkungen haben häufig Schwierigkeiten, Symptome einzuordnen, Schmerzen zu beschreiben oder komplexe Therapieanweisungen zu verstehen. Gleichzeitig setzen viele Praxisabläufe – etwa Terminvereinbarungen, Einwilligungserklärungen oder Medikationsinformationen – sprachliche und organisatorische Selbstständigkeit voraus.
Der neue Anamnesebogen in Leichter Sprache adressiert damit ein strukturelles Problem der Versorgung. Die Kombination aus leichter Sprache und visueller Unterstützung entspricht Empfehlungen zur Förderung von Gesundheitskompetenz („Health Literacy“), wie sie unter anderem von der WHO formuliert werden.
Ähnliche Hürden bestehen auch für Menschen mit geringen Deutschkenntnissen. Fehlende Sprachmittlung kann Diagnosen erschweren, Fehlbehandlungen begünstigen und die Therapieadhärenz (Einhaltung von Behandlungen) verschlechtern. Vor dem Hintergrund einer älter werdenden und zunehmend diversen Gesellschaft dürfte verständliche Patientenkommunikation deshalb weiter an Bedeutung gewinnen.
Quellen: