Baden-Württemberg geht in der hausärztlichen Versorgung erneut voran: Mit der Einführung der bundesweit ersten Vergütung für das Konzept HÄPPI („Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“) setzen der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg, die AOK Baden-Württemberg und MEDI Baden-Württemberg einen neuen Standard in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV). Ziel ist es, Praxen fit für die Zukunft zu machen – durch gezielte Förderung, digitale Anwendungen und multiprofessionelle Teams.
Transformation wird vergütet
Erstmals wird ein umfassender Transformationsansatz in der hausärztlichen Versorgung vertraglich fest verankert und gezielt finanziell unterstützt. Das HÄPPI-Konzept basiert auf mehreren Säulen: der Einsatz akademisierter nichtärztlicher Gesundheitsberufe, der konsequente Gebrauch digitaler Tools, strukturierte Kooperationen mit anderen Leistungserbringern sowie eine stärkere Ausrichtung auf Patientenzentrierung.
Praxen erhalten für jeden eingeschriebenen AOK-HZV-Versicherten einen Zuschlag von 20 Euro sowie einen zusätzlichen Transformationszuschlag von 10 Euro zur Unterstützung des Aufbaus der HÄPPI-Strukturen. Je nach Umfang des eingesetzten akademischen Fachpersonals sind weitere Zuschläge von bis zu 15 Euro pro Patient und Jahr möglich.
Erfolgreicher Pilot – wissenschaftlich bestätigt
Die Grundlage der HÄPPI-Vergütung bildet ein Pilotprojekt aus dem Jahr 2023, bei dem zehn Hausarztpraxen in Baden-Württemberg das Modell erprobten (vgl. News vom 20.11.2023). Die wissenschaftliche Evaluation durch die Universität Heidelberg zeigte klare Vorteile: Ärzte wurden entlastet, die Versorgungszahlen stiegen und die Zufriedenheit im Praxisteam verbesserte sich deutlich.
Digitale Anwendungen und Teamarbeit im Fokus
Ein zentrales Element von HÄPPI ist der verpflichtende Einsatz digitaler Tools – etwa Online-Terminbuchungen, Videosprechstunden, Medikationssicherheitstools oder automatische Erinnerungen für Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen. Diese Maßnahmen sollen die Praxen effizienter machen und Ressourcen für die eigentliche Versorgung freisetzen.
Auch die Zusammenarbeit mit Pflegeheimen sowie Facharztpraxen nach § 140a SGB V wird gezielt in das Modell eingebunden. So wird die Versorgung nicht nur hausintern verbessert, sondern sektorenübergreifend koordiniert.
Unterstützung und Qualitätssicherung
Teilnehmende Praxen erhalten vom Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg umfassende Unterstützung – darunter ein praxiserprobtes HÄPPI-Workbook, Beratungsangebote, Schulungen und regelmäßige Fortbildungen. Qualitätssicherung erfolgt unter anderem durch standardisierte digitale Patientenbefragungen sowie regelmäßige Evaluationen zur Wirksamkeit und Weiterentwicklung des Konzepts.
Kommentar:
Mit der Einführung der HÄPPI-Vergütung in Baden-Württemberg wird ein wegweisender Standard gesetzt: Hausärztliche Versorgung wird interprofessionell gedacht, digital unterstützt und auf die Patienten ausgerichtet. Das Zusammenspiel aus gezielter Förderung, moderner Infrastruktur und multiprofessioneller Zusammenarbeit ist ein praxisnaher Transformationsansatz, der zeigt, wie Versorgung auch unter zunehmendem Druck zukunftsfähig gestaltet werden kann.
Was Baden-Württemberg bereits in die Primärversorgung integriert hat, wird nun auch in Rheinland-Pfalz im Rahmen eines Pilotprojekts aufgegriffen und weiterentwickelt. Dort startet im Juli 2025 eine sechsmonatige Erprobungsphase mit sechs HÄPPI-Praxen – angepasst an die regionalen Herausforderungen, insbesondere im ländlichen Raum. Das Projekt wird vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium gemeinsam mit der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland unterstützt und verfolgt ein ähnliches Ziel: die hausärztliche Praxis als interprofessionelles Versorgungszentrum zu stärken – mit KI-basierten Telefonassistenten, strukturiertem Change-Management und Fokus auf nachhaltige Integration digitaler Werkzeuge.
Beide Projekte eint der Gedanke, die Hausarztmedizin systematisch weiterzuentwickeln. Während Baden-Württemberg bereits zeigt, wie HÄPPI umgesetzt und vergütet werden kann, liefert Rheinland-Pfalz wichtige Impulse zur Anpassung an unterschiedliche Versorgungsrealitäten. Die bundesländerübergreifende Ausrichtung verdeutlicht: HÄPPI ist kein isoliertes Projekt, sondern ein wachsendes und bundeslandübergreifendes Versorgungsmodell.
Wenn es gelingt, die Erkenntnisse aus beiden Bundesländern zu bündeln, kann HÄPPI zu einem Vorbildprojekt für ein zukunftsfestes Hausarztmodell in Deutschland werden.
Quellen: