Deutschland steht vor einem Demenzproblem: Bei weiter steigender Lebenserwartung und ohne wirksame Präventionsmaßnahmen könnte die Zahl der Demenzfälle bis 2060 von derzeit rund 1,3 Mio. auf bis zu 2,1 Mio. ansteigen. Zu diesem Ergebnis kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) auf Basis eines neu entwickelten Prognoseverfahrens, das in Kooperation mit den Universitäten Trier, Rostock und Köln entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um konservative Schätzungen; die tatsächlichen Fallzahlen könnten sogar noch höher ausfallen. Als besonders problematisch bewertet das WIdO, dass diese Entwicklung mit einem Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter von 20 bis 65 Jahren zusammenfällt. Deutschland könnte somit auf ein erhebliches Versorgungsproblem zusteuern.
Präventionsstrategien erforderlich
Das WIdO fordert daher eine stärkere Demenzprävention. Doch selbst wenn es gelingen würde, die Zahl der Demenzerkrankungen durch geeignete Präventionsstrategien langfristig auf etwa 1,3 bis 1,5 Mio. Fälle zu begrenzen, würden im Jahr 2060 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 2,9 Demenzfälle kommen. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 lag diese Relation bei 2,6 Fällen je 100 Personen.
Erhebliche regionale Unterschiede
Besonders kritisch könnte sich die Situation in einzelnen Regionen Deutschlands entwickeln. Nach den Berechnungen des WIdO werden die Belastungen sehr unterschiedlich ausfallen: Während in einigen Kreisen lediglich 2,6 Demenzfälle auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen könnten, dürfte die Quote andernorts auf bis zu 20,9 steigen. Vor allem ländliche Regionen mit einer alternden Bevölkerung – insbesondere in Ostdeutschland – könnten dadurch vor erhebliche Herausforderungen bei der medizinischen und pflegerischen Versorgung gestellt werden. Vor diesem Hintergrund können die Prognosen laut WIdO wichtige Hinweise für die frühzeitige Planung und Anpassung regionaler Versorgungsstrukturen sowie der Pflege- und Unterstützungsangebote liefern.
Prognoseszenarien: Demenzfälle bis 2060

Quelle: WIdO 2026
Kommentar:
Mit einem Anteil von rund 60 bis 70 % ist Alzheimer die häufigste Form der Demenz. Entsprechend konzentrieren sich Forschung und Arzneimittelentwicklung derzeit vor allem auf diese Erkrankung. Für andere Demenzformen wie die vaskuläre Demenz, die Lewy-Körper-Demenz oder die frontotemporale Demenz stehen bislang keine vergleichbaren krankheitsmodifizierenden Therapien zur Verfügung. Generell sind die Behandlungsmöglichkeiten auch bei Alzheimer weiterhin begrenzt. Mit den Antikörpertherapien Lecanemab und Donanemab stehen zwar seit 2025 erstmals Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Erkrankung im Frühstadium verlangsamen können. Aufgrund strenger Zulassungsvorgaben und Sicherheitsanforderungen kommt die Therapie jedoch nur für einen kleinen Teil der Betroffenen infrage. Zudem treten bei etwa 10 % der behandelten Patienten schwerwiegende Nebenwirkungen wie Hirnödeme oder Hirnblutungen auf.
Gleichzeitig arbeitet die Pharmaindustrie an einer breiten Forschungspipeline: Derzeit befinden sich rund 60 Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung. Die Ansätze reichen von der Entfernung von Amyloid-Ablagerungen und der Bekämpfung krankhafter Tau-Proteine über die Hemmung von Entzündungsprozessen im Gehirn und den Schutz von Nervenzellen bis hin zur Beeinflussung gestörter Zellfunktionen.
Frühzeitige Diagnose dank Biomarker
Zunehmend gewinnen auch präventive Strategien an Bedeutung, da die für Alzheimer typischen Veränderungen im Gehirn häufig bereits 15 bis 20 Jahre vor dem Auftreten erster Symptome beginnen. Eine zentrale Rolle spielen dabei Biomarker, die eine frühzeitige Diagnose ermöglichen. Dazu zählen Amyloid-PET-Untersuchungen, mit denen sich krankheitstypische Eiweißablagerungen im Gehirn nachweisen lassen, sowie Analysen von Amyloid- und Tau-Proteinen im Nervenwasser. Ergänzt werden diese Verfahren zunehmend durch neu entwickelte Bluttests, die charakteristische Biomarker der Erkrankung erfassen. Ziel ist es, Alzheimer künftig bereits in einem sehr frühen oder sogar symptomfreien Stadium zu erkennen und den Krankheitsprozess möglichst früh zu beeinflussen.
Quellen: