Im Vergleich zu anderen (Gesundheits-)Berufen hält die Digitalisierung nur langsam Einzug bei den Heilmittelerbringern, viele haben noch nicht einmal eine eigene Homepage. Allenfalls im Bereich der Abrechnung und Praxisverwaltung ist Softwarenutzung üblich. Aber eigentlich sollten die digitalen Helferlein auch anderswo zum Standard gehören, z. B. für Terminverwaltung, Praxisorganisation oder die Therapiesitzung per Video. Bereits seit April 2022 ist die Videotherapie Teil der Regelversorgung und wird auch von den Kassen in gleicher Höhe bezahlt wie eine persönlich erbrachte Behandlung. Jedoch ist der Digitalisierungsgrad vieler Praxen ausbaufähig bzw. umgekehrt kann man sich damit (noch) differenzieren. Zentral sind zudem Regelungen zur Verordnungsfähigkeit digitaler Gesundheitsanwendungen oder therapierelevanter Hilfsmittel.
Insbesondere in etablierten, älteren Praxen (mit z. B. entsprechend älteren Inhabern und Inhaberinnen) ist der Digitalisierungsgrad häufig noch vergleichsweise gering, z. T. weil der Nutzen nicht erkannt wird, weil sich Inhaber vor den Investitionen fürchten, weil die Auslastung der Praxen gegeben ist und damit fälschlicherweise die Notwendigkeit nicht gesehen wird, weil personelle Ressourcen ‚am Patienten‘ und nicht für andere Aktivitäten eingesetzt werden; dabei wird übersehen, dass gerade digitale Prozesse zu Effizienzgewinnen und damit mehr Zeit am Patienten beitragen können.
Das Bewusstsein in den Praxen scheint sich jedoch verändert zu haben: Während noch in 2023 nur knapp 30 % der Praxen eine Ausweitung planten, während über 60 % angaben, keine digitalen Vorhaben zu haben, sieht es mittlerweile umgekehrt aus. Fast 70 % der befragten Praxen planen in 2026 einen digitalen Ausbau, während 30 % das nicht in Erwägung ziehen.
(Quelle: 4. Eckdatenstudie – Der Branchenreport Physiotherapie 2026 von TT-DIGI & ETL Advision)
Treiber der Digitalisierung
Denn Patienten, der Gesetzgeber, generelle technologische Entwicklungen in der Gesundheitsbranche oder im Kontext von KI etc. erhöhen den Druck auf das Digitalisierungserfordernis auch bei Heilmittelerbringern:
- Der Gesetzgeber bzw. die Digitalisierung des Gesundheitswesens erhöhen den Druck auf die Leistungserbringer, denn die elektronische Heilmittelverordnung kommt verpflichtend ab 2027 und auch abrechenbare Videotherapien erfordern entsprechende Infrastruktur sowie Know-how.
- Die Patienten selbst werden immer digital-affiner und haben sich vor ihrem Praxisbesuch bei Kollege Google entsprechend eingelesen. Die ‚Selbstvermessung‘ nimmt stetig zu: Etwa vier von zehn Menschen hierzulande nutzen mittlerweile Wearables wie Smartwatches oder Fitnesstracker; das heißt auch, dass der Therapeut seine Patientenkommunikation entsprechend anpassen muss.
Nutzen der Digitalisierung
Insbesondere drei Themenfelder sind betroffen:
- Bürokratieabbau und administrative Erleichterungen (Prozesse/papierlose Praxis/optimierte Behandlungsplanung) – elektronische Patientenakte, eVO, Abrechnungssoftware, digitale Praxisverwaltung z. B. für das Terminmanagement etc. erhöhen die Effizienz und ermöglichen damit mehr Zeit für heilberufliche Tätigkeit am Patienten. Mittelfristig ist mit der digitalen Abbildung der Prozesse von der Verordnung bis hin zur Abrechnung zu rechnen.
- Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit – auch gerade angesichts der o. g. veränderten Herausforderungen an die Gesundheitsversorgung. Wichtig ist dabei, dass im Rahmen der Telematikinfrastruktur die Heilmittelerbringer mit den gleichen Kompetenzen und Rechten ausgestattet werden wie z. B. die Ärzte.
- Ergänzung der Therapie (Behandlung und Business) – Therapien per Video gehören bereits jetzt zum Standard. Künftig ist mit einer Vielzahl an Neuentwicklungen bzw. therapieergänzenden Produkten zu rechnen z. B. in Form von Apps oder digitalen Therapieassistenten etc. Während es bereits DiGAs, also digitale Gesundheitsanwendungen, die von der Kasse erstattet bzw. ärztlich verordnet werden können, im physiotherapeutischen Bereich als reines digitales Produkt gibt (z. B. bei Rückenschmerzen, Knieverletzungen etc.), fehlt es noch an ‚hybriden‘ Therapielösungen, die beides umfassen und als Kombi-Therapie bei den GKVen abgerechnet werden können. Mit digitalen Anwendungen wird auch die Patienten-Compliance, Übungen zu Hause durchzuführen, massiv gesteigert.
Quelle: in Anlehnung an die Themenfelder, benannt in der Zeitschrift „physiotherapie“
Kommentar:
Neben Therapien umfasst die Digitalisierung auch die Patientenkommunikation/-interaktion über Social Media, eigene Video Channels, Newsletter etc. Auch hier können Apps zum Einsatz kommen, z. B. zur Trainingssteuerung, zum Dokumentieren von Therapieergebnissen etc. Mit entsprechenden Services lassen sich auch Kosten/Zeiten sowie Papier einsparen (z. B. Anamnesebogen vorab digital zur Verfügung stellen, Unterschrift des Behandlungsvertrags per Tablet etc.).
Ein starker Treiber für die Digitalisierung ist auch in dieser Branche KI, zumal die Praxen hier weniger skeptisch zu sein scheinen als bei anderen Digitalthemen (z. B. Anbindung an Telematikinfrastruktur etc.), denn nur weniger als 20 % der befragten Praxen kann sich nicht vorstellen, dass KI in der Praxis-Administration hilft. Siehe hierzu nachfolgender Teil 2 der Newsreihe.
Quellen:
- 4. Eckdatenstudie – Der Branchenreport Physiotherapie 2026 von TT-DIGI & ETL Advision
- Zeitschrift: physiotherapie