GKV-Finanzen 1. Halbjahr 2025: Ausgabendynamik gibt Anlass zur Sorge

GKV-Finanzen 1. Halbjahr 2025: Ausgabendynamik gibt Anlass zur Sorge

Nach einem Defizit von rund 6,57 Mrd. € im Jahr 2024 haben die gesetzlichen Krankenkassen zum Ende des ersten Halbjahrs 2025 wieder einen Überschuss von 2,8 Mrd. € erzielt. Das geht aus den aktuellen (vorläufigen) Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums hervor. Die Einnahmen beliefen sich auf 176,8 Mrd. €, die Ausgaben auf 174,0 Mrd. €. Bei einem Versichertenanstieg von 0,1 % erhöhten sich die Gesamtausgaben der Kassen jedoch überproportional um 7,8 %. Die Finanzreserven der Krankenkassen lagen Ende Juni 2025 bei rund 4,6 Mrd. € und damit bei 0,16 Monatsausgaben. Die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve von 0,2 Monatsausgaben wurde somit nicht erreicht.

Zusatzbeitrag steigt deutlich

Der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz der Krankenkassen lag zum Ende des ersten Halbjahres 2025 bereits bei 2,92 % und überschritt damit sowohl den Vorjahreswert (1,82 %) als auch den für 2025 offiziell festgelegten durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz (2,5 %).

Der Gesundheitsfonds, der Mitte Januar 2025 noch über eine Liquiditätsreserve von rund 5,7 Mrd. € verfügte, verzeichnete im ersten Halbjahr ein – überwiegend saisonbedingtes – Defizit von rund 5,8 Mrd. €. Insbesondere im 4. Quartal kommt es erfahrungsgemäß durch Jahressonderzahlungen (wie etwa Weihnachtsgeld) zu höheren Einnahmen.

 

Kommentar:

Die positiven Ergebnisse der GKV zum Ende des ersten Halbjahres dürfen nicht über die alarmierende Entwicklung bei den zentralen Finanzkennzahlen hinwegtäuschen. Selbst das Bundesgesundheitsministerium äußerte sich in seiner Pressemitteilung besorgt: Die Überschüsse werden dringend benötigt, um die Reserven wieder auf das gesetzlich vorgeschriebene Mindestniveau aufzufüllen. Gleichzeitig bleibt die Ausgabendynamik hoch und der Druck auf die Zusatzbeiträge bestehen.

Ausgabendynamik und Warnung des Bundesrechnungshofs

Nach den außergewöhnlich starken pandemiebedingten Ausgabensprüngen in den Jahren 2020/21 (+8,41 %) hatte sich die Ausgabendynamik 2021/22 zunächst verlangsamt (+1,33 %). Doch bereits 2022/23 und 2023/24 zogen die Ausgaben mit +6,09 % und 6,86 % wieder deutlich an. Dieser Trend setzte sich im ersten Halbjahr 2025 fort (+7,8 %). Damit verschärft sich die finanzielle Lage der Kassen weiter. Der Bundesrechnungshof hat die Bundesregierung jüngst aufgefordert, unverzüglich Maßnahmen zur Begrenzung der Ausgaben einzuleiten. Ohne Gegensteuerung drohe eine wachsende Unterdeckung von 6 bis 8 Mrd. € jährlich. Bis 2029 wäre in diesem Szenario mit einem durchschnittlichen Zusatzbeitrag von über 4 % zu rechnen.

Politische Reaktionen und Liquiditätshilfen

Die Bundesregierung hat bereits zusätzliche Mittel bereitgestellt: Im Mai 2025 wurde dem Gesundheitsfonds eine vorgezogene Liquiditätshilfe von 800 Mio. € zugewiesen, ursprünglich für Ende des Jahres vorgesehen. Im Juli folgten weitere Hilfen: Im Bundeshaushalt sind für 2025 und 2026 jeweils Darlehen über 2,3 Mrd. € eingeplant, deren Rückzahlung ab 2029 erfolgen soll. Zudem wurde die für 2025 fällige Rückzahlung eines älteren Darlehens von 1 Mrd. € verschoben. Trotz dieser Maßnahmen bleibt die strukturelle Unterfinanzierung ungelöst. Die Bundesregierung rechnet für 2026 weiterhin mit einem Defizit von rund 4 Mrd. €, was eine Erhöhung des durchschnittlichen Zusatzbeitrags auf 3,0 bis 3,1 % wahrscheinlich macht.

Reformdruck steigt

Die chronische Unterfinanzierung der GKV ist seit Jahren bekannt, doch notwendige Strukturreformen wurden bislang immer wieder vertagt. Stattdessen greift der Bund regelmäßig auf Steuer- und Darlehenshilfen zurück. Angesichts der angespannten Finanzlage erscheint eine Rückzahlung der neuen Kredite kaum realistisch. Immerhin zeigt sich etwas Bewegung: Die neue Gesundheitsministerin hat angekündigt, die Empfehlungen der Expertenkommission zur langfristigen Stabilisierung der Krankenversicherungsbeiträge vorzuziehen. Der Koalitionsvertrag hatte ursprünglich einen Zeithorizont bis Frühjahr 2027 vorgesehen – nun soll das Konzept deutlich früher vorliegen.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit – Finanzentwicklung der GKV im 1. Halbjahr 2025

Dr. Elisabeth Leonhard
Autor Dr. Elisabeth Leonhard
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