Im laufenden Jahr könnte erstmals ein deutsches Krankenhaus die erfolgreiche Zertifizierung als sogenanntes Magnet-Krankenhaus erhalten. Dies geht aus einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts hervor. Das Zertifikat des US-amerikanischen Verbands American Nurses Credentialing Center (ANCC) steht für exzellente Pflegequalität sowie ein besonders förderliches Arbeitsumfeld für Pflegekräfte. Beide Faktoren gelten als zentrale Voraussetzungen für die Attraktivität von Krankenhäusern im Wettbewerb um qualifiziertes Pflegepersonal. Magnet-zertifizierte Kliniken erfüllen definierte Anforderungen in fünf Kategorien: transformative Führung, strukturelle Befähigung, vorbildliche berufliche Praxis, neues Wissen, Innovation und Verbesserungen sowie messbare empirische Qualitätsergebnisse.
| Hintergrund |
| Das Zertifizierungskonzept des ANCC geht auf den Mangel an qualifizierten Pflegekräften in den USA in den 1980er-Jahren zurück. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass 41 Kliniken deutlich geringere Fluktuationsraten beim Pflegepersonal aufwiesen und sich zugleich durch eine konstant hohe Qualität der Patientenversorgung auszeichneten. Die darauf aufbauende Studie „Magnet hospitals: Attraction and retention of professional nurses“ identifizierte die zentralen Erfolgsfaktoren dieser Einrichtungen. Diese bildeten in der Folge die Grundlage für das Akkreditierungsverfahren des heutigen Magnet-Modells. |
Neben weltweitem Interesse stößt das Magnet-Modell auch in Europa auf Aufmerksamkeit. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Magnet4Europe“ (2020-2024) wurde in einem Netzwerk von mehr als 60 Krankenhäusern aus sechs europäischen Ländern an der Übertragbarkeit der Magnet-Kriterien auf europäische Gesundheitseinrichtungen gearbeitet. Bislang haben lediglich drei europäische Krankenhäuser (darunter keine deutsche Einrichtung) eine Magnet-Zertifizierung erhalten.
In Deutschland läuft aktuell noch ein von der Robert Bosch Stiftung gefördertes Begleitforschungsprojekt, an dem 16 Krankenhäuser beteiligt sind. Bestandteil des Konzepts ist die Zuordnung eines sogenannten „Twinning Partners“: Jedes teilnehmende Krankenhaus arbeitet eng mit einer bereits zertifizierten US-amerikanischen Magnet-Klinik zusammen. Der Austausch umfasst gegenseitige Besuche, regelmäßige Kommunikation sowie die Übernahme und Weiterentwicklung bewährter Ideen und Projekte. Einige deutsche Krankenhäuser haben bereits vor über zehn Jahren – und damit vor dem Start von Magent4Europe – an der Umsetzung der Magnet-Kriterien gearbeitet und streben eine US-amerikanische Zertifizierung an. Hierzu zählen unter anderem die Berliner Charité, das Universitätsklinikum Bonn, die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU), das Universitätsklinikum Münster sowie das BG Klinikum Bergmannstrost Halle. Noch in diesem Jahr, spätestens jedoch bis 2027, wird die erste Magnet-Zertifizierung eines deutschen Krankenhauses erwartet.
Kommentar:
Die Zertifizierung zum Magnet-Krankenhaus stellt für Krankenhäuser einen langwierigen und kostenintensiven Prozess dar. Sie setzt einen grundlegenden kulturellen Wandel voraus, bei dem insbesondere die für deutsche Krankenhäuser typischen stark hierarchischen Strukturen zugunsten einer stärkeren Partizipation und interdisziplinären Zusammenarbeit abgeflacht werden müssen. Zusätzlich ist die Umsetzung der Magnet-Kriterien aufgrund struktureller Unterschiede zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Gesundheitssystem mit besonderen Herausforderungen verbunden. Wie Studien und Erfahrungsberichte zeigen, bietet der Wandel zum Magnet-Krankenhaus jedoch die Chance auf eine nachhaltige Organisations- und Unternehmenskultur. Diese wirkt sich positiv auf die Arbeitszufriedenheit sowohl im pflegerischen als auch im ärztlichen Bereich aus und steigert damit die Attraktivität der Kliniken im Wettbewerb um knappes qualifiziertes Personal. Von dieser Entwicklung profitieren nicht nur die Magnet-Krankenhäuser, die laut Studien trotz höherer Personalkosten wirtschaftliche Vorteile durch überproportional steigende Einnahmen haben, sondern auch die Patienten durch eine deutlich verbesserte Versorgungsqualität.
Quellen: