Mehr Sicherheit im Praxisalltag: Strategien gegen Aggression

Mehr Sicherheit im Praxisalltag: Strategien gegen Aggression

Die Gewalt gegen Ärzte und medizinische Fachangestellte nimmt spürbar zu. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) unter ihren Mitgliedern: Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Ärzte (2.917 von 4.513) haben bereits Gewalt in ihrem beruflichen Alltag erlebt – überwiegend verbale Angriffe (2.676 Fälle), aber auch körperliche Übergriffe (1.015 Fälle). Betroffen ist neben dem stationären Bereich (1.354 Fälle) insbesondere auch der ambulante Sektor (1.339 Fälle). Die meisten Vorfälle gehen von Patienten (2.159 Fälle) oder Angehörigen (1.563 Fälle) aus.

Die ÄKWL erkennt anhand der zahlreichen und schnellen Rückmeldungen einen zunehmenden Trend von Gewaltereignissen in Arztpraxen und ordnet diesen als gesamtgesellschaftliches Problem ein. Für viele Praxisteams ist das eine enorme Belastung.

Prävention und Deeskalation sind entscheidend im Praxisalltag

Um brenzlige Situationen zu entschärfen, sollten Praxisteams vorbereitet sein. Das können die Betroffenen tun:

  • Klare Grenzen setzen: Aggressive Patienten mit kurzen, einstudierten Antworten stoppen, z. B. „Ich helfe Ihnen gern – aber nicht in diesem Ton.“
  • Warnsignale erkennen: Auf Körpersprache wie geweitete Pupillen, angespannte Mimik oder aggressives Verhalten gegenüber Gegenständen achten. Besonders bei männlichen Patienten ist erhöhte Wachsamkeit geboten – Gewalt geht statistisch häufiger von Männern aus.

Kommt es trotz aller Maßnahmen zur Eskalation:

  • Anti-Opfer-Signale senden: Aufrechte Körperhaltung, ruhige Stimme und mindestens eine Armlänge Distanz können vor körperlichen Angriffen schützen.
  • Fluchtmöglichkeiten kennen: Praxisräume so organisieren, dass Mitarbeiter im Ernstfall schnell ausweichen können.
  • Gefahrenquellen vermeiden: Keine spitzen oder schweren Gegenstände griffbereit platzieren.
  • Überraschungsmoment nutzen: Im Notfall etwas Unerwartetes tun (z. B. Würgegeräusch), um den Angreifer zu verwirren und sich zu entziehen.

Mehr Sicherheit bei Hausbesuchen

Hausbesuche können ebenfalls Risiken bergen. Auch hier gibt es einige Hinweise, die Ärzte beachten können:

  • Team über Aufenthaltsort und geplante Rückkehrzeit informieren.
  • Auto in Fluchtrichtung parken.
  • Potenzielle Gefahren wie aggressive Hunde oder bekannte Verhaltensauffälligkeiten bedenken.
  • Schuhe anlassen und Fluchtwege im Haus einprägen.

Hausrecht konsequent nutzen

Bei wiederholtem Fehlverhalten können Praxisinhaber Patienten ein Hausverbot erteilen und Behandlungen ablehnen – Notfälle ausgenommen. Wichtig ist, alle Vorfälle sorgfältig in der Patientenakte zu dokumentieren.

 

Kommentar:

Ärzte sollen besonderen Schutz erhalten

Angesichts der zunehmenden Gewalt im Praxisalltag fordert die ÄKWL ein flächendeckendes Meldesystem. Dieses soll Übergriffe zentral erfassen und Praxisteams gleichzeitig über wirksame Präventionsmaßnahmen informieren. Zudem müsse der Gesetzgeber die Ärzteschaft in § 115 StGB aufnehmen, der bereits Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte besonders schützt. Gewalttätige Übergriffe im Praxisalltag seien keine Kavaliersdelikte, sondern erhebliche Vergehen, die konsequent verfolgt werden müssten.

Zu den notwendigen Schutzmaßnahmen gehören laut Kammer auch Deeskalationstrainings und Konfliktgesprächskurse, wie sie die Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe anbieten kann. Darüber hinaus sei es überlegenswert, bei der Kammer eine Ombudsstelle zum Thema Gewalt gegen Ärzte und medizinisches Personal einzurichten.

Gesetzesinitiative wird neu geprüft

Einen entsprechenden Gesetzesentwurf, wie ihn die ÄKWL nun erneut fordert, gab es bereits in der vergangenen Legislaturperiode. Das Bundesjustizministerium prüft derzeit, inwieweit dieser als Grundlage dienen kann, um die im Koalitionsvertrag vorgesehene Verschärfung des strafrechtlichen Schutzes für Einsatz- und Rettungskräfte, Polizisten sowie Gesundheitsberufe umzusetzen. Ein neuer Entwurf ist für den kommenden Herbst geplant. Weitere Details zum zeitlichen Ablauf liegen bislang nicht vor.

Mehr zum Thema Gewalt in Arztpraxen siehe auch News vom 5.3.2025.

Quellen:

Nadine Brohammer
Autor Nadine Brohammer
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