OECD: Deutliche Unterschiede bei psychischer Gesundheit zwischen den Mitgliedstaaten

OECD: Deutliche Unterschiede bei psychischer Gesundheit zwischen den Mitgliedstaaten

Psychische Erkrankungen gehören in den OECD-Staaten zu den wachsenden gesundheitlichen Herausforderungen. Wie aktuelle OECD-Analysen zeigen, leidet im Durchschnitt etwa jeder fünfte Mensch in diesen Ländern an einer psychischen Erkrankung. Zwischen den einzelnen Ländern bestehen jedoch erhebliche Unterschiede.

Große Unterschiede zwischen den Ländern

In Europa verzeichnen die Niederlande und Portugal mit jeweils rund 27 % der Bevölkerung sowie Irland mit etwa 25 % besonders hohe Erkrankungsraten. Am anderen Ende der Skala finden sich Bulgarien mit rund 16 % sowie Rumänien mit knapp 17 %. Deutschland bewegt sich mit etwa 19 % im oberen Mittelfeld der EU-Staaten.

Abb.: Prävalenz psychischer Erkrankungen im Ländervergleich

Prävalenz psychischer Erkrankungen im Ländervergleich

Quelle: OECD

Die OECD geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen noch höher liegt. Insbesondere leichte Erkrankungen werden aufgrund von Stigmatisierung seltener erkannt. Des Weiteren mangelt es am Zugang zum Gesundheitssystem, sodass rund 60 % der Menschen, die psychologische Unterstützung benötigen, keine entsprechende Versorgung erhalten.

Junge Menschen besonders betroffen

Unabhängig vom Wohnort zeigt sich in nahezu allen OECD-Staaten ein ähnliches Muster: Junge Menschen sind besonders gefährdet. Jeder Vierte im Alter zwischen 15 und 24 Jahren leidet derzeit an einer psychischen Erkrankung. Darüber hinaus bestehen deutliche soziale Unterschiede. Menschen mit geringerem Einkommen oder niedrigerem Bildungsniveau weisen höhere Raten von Depressionen und Angststörungen auf. Die Ursachen für die zunehmende Belastung sind unter anderem der Klimawandel, Kriege und Konflikte, die Nutzung sozialer Medien sowie die Folgen der Covid-19-Pandemie.

Folgen für Gesundheit und Wirtschaft

Die Auswirkungen psychischer Erkrankungen gehen weit über individuelle Schicksale hinaus. Nach Berechnungen der OECD verkürzen Depressionen, Angststörungen und Alkoholmissbrauch die gesunde Lebenserwartung in den EU-Ländern durchschnittlich um zweieinhalb Jahre. Während einige Staaten, wie z. B. Schweden einen Verlust von nahezu 3,5 Jahren verzeichnen, liegt dieser in anderen Ländern wie beispielsweise Griechenland bei lediglich rund 1,5 Jahren.

Auch wirtschaftlich sind die Folgen erheblich. Psychische Erkrankungen reduzieren das Bruttoinlandsprodukt der OECD-Länder im Durchschnitt um 1,7 % pro Jahr. Grund hierfür sind Fehlzeiten, geringere Produktivität am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit und vorzeitiger Ruhestand.

OECD fordert umfassende Strategien

Nach Einschätzung der OECD reichen einzelne Präventions- und Behandlungsmaßnahmen nicht aus, um die psychische Gesundheit in den Mitgliedstaaten nachhaltig zu verbessern. Die Organisation setzt auf eine umfassende Strategie, die auf drei Säulen basiert: die konsequente Umsetzung bewährter Maßnahmen, den Ausbau der Versorgungsangebote sowie die Bekämpfung der zugrunde liegenden Ursachen psychischer Belastungen. Dazu sollen erfolgreiche „Best-Practice“-Modelle stärker verbreitet und der Zugang zu medizinischen Leistungen durch Aufklärungskampagnen und Programme zur Entstigmatisierung ergänzt werden. Gleichzeitig fordert die OECD ehrgeizigere Versorgungsziele und höhere Investitionen. Darüber hinaus betont die Organisation, dass psychische Gesundheit nicht allein eine Aufgabe des Gesundheitswesens sei. Vielmehr müssten auch Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik einbezogen werden, um die Ursachen psychischer Belastungen wirksam anzugehen. Als Vorbild gelten dabei Länder mit stärker ausgebauten Sozialsystemen, die im OECD-Vergleich bessere Ergebnisse bei der psychischen Gesundheit erzielen.

 

Kommentar:

Die OECD-Zahlen verdeutlichen, dass sich die psychischen Erkrankungen zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Industrieländer entwickeln werden. Angesichts der hohen Zahl Betroffener – insbesondere unter jungen Menschen – und den erheblichen Folgen für Gesundheit, Arbeitsmarkt und Wirtschaft ist der Ausbau der Versorgung unverzichtbar. Die OECD weist jedoch zu Recht darauf hin, dass psychische Gesundheit nicht allein im Gesundheitswesen verbessert werden kann. Wer langfristige Fortschritte erzielen will, muss auch soziale und wirtschaftliche Faktoren in den Blick nehmen.

Quelle: OECD – Der Economic Case für die Prävention psychischer Erkrankungen

Autor Fanny Mauch
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