Eine aktuelle Analyse der OECD zeigt, dass jahrzehntelange gesundheitspolitische Maßnahmen bislang nicht ausreichen, um dem Anstieg nicht übertragbarer Krankheiten nachhaltig entgegenzuwirken. Besonders relevant sind dabei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs sowie chronische Atemwegserkrankungen. Zwischen 1990 und 2023 stieg die Prävalenz der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) in den OECD-Staaten um 49 % und die von Krebserkrankungen um 36 % an. Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahmen um mehr als 27 % zu. Besonders dynamisch entwickelte sich Diabetes: Die Zahl der Betroffenen erhöhte sich innerhalb von drei Jahrzehnten um 86 %.
Adipositas neutralisiert gesundheitspolitische Fortschritte
Nach Einschätzung der OECD ist insbesondere die zunehmende Verbreitung von Adipositas dafür verantwortlich, dass Fortschritte bei anderen Risikofaktoren weitgehend kompensiert werden. Zwar sind Verbesserungen in den Bereichen Luftqualität, Tabakkonsum, Alkoholkonsum und körperlicher Aktivität zu beobachten, allerdings untergräbt der starke Anstieg von Übergewicht und Fettleibigkeit diese positiven Entwicklungen.
Die OECD-Studie identifiziert deshalb Adipositas als den bedeutendsten vermeidbaren Risikofaktor für die zukünftige Krankheitslast. Würden alle OECD-Staaten das Niveau der erfolgreichsten Länder bei der Bekämpfung von Fettleibigkeit erreichen, könnte sich die Zahl neuer chronischer Erkrankungen zwischen 2026 und 2050 um rund 11 % reduzieren. Vorzeitige Todesfälle könnten um 5,6 % sinken, während bei den Gesundheitsausgaben eine Reduktion von 3,3 % erreichbar wäre.
Alternde Gesellschaft verstärkt den Druck auf Gesundheitssysteme
Neben der Zunahme von Übergewicht verweist die OECD auf zwei weitere strukturelle Entwicklungen: die steigende Lebenserwartung sowie den demografischen Wandel. Medizinische Fortschritte führen dazu, dass Menschen länger mit chronischen Erkrankungen leben. Gleichzeitig wächst der Anteil älterer Bevölkerungsgruppen, in denen nicht übertragbare Erkrankungen besonders häufig auftreten.
Allein durch den demografischen Wandel ist zu erwarten, dass die Zahl neuer Fälle von nicht übertragbaren Krankheiten in den OECD-Staaten bis 2050 um etwa 31 % steigt. Parallel dazu nimmt die Multimorbidität – also das gleichzeitige Auftreten mehrerer Erkrankungen – massiv zu. Die OECD prognostiziert einen Anstieg um rund 75 %.
Die Analyse betont zudem die ökonomische Dimension chronischer Krankheiten. Ohne nicht übertragbare Krankheiten könnten die Gesundheitsausgaben in den OECD-Staaten in den nächsten 25 Jahren um etwa 40 % niedriger ausfallen. Gleichzeitig wäre das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt fast 4 % höher.
Drei zentrale Handlungsebenen als Vorschlag
Die OECD empfiehlt den Staaten eine strategische Neuausrichtung entlang dreier zentraler Handlungsfelder:
- Gesundheitsbildung und Information: Menschen müssen stärker befähigt werden, um gesundheitsfördernde Entscheidungen zu treffen.
- Gesundheitsfördernde Lebensumfelder: Politische Maßnahmen sollen gesündere Ernährung, Bewegung und präventive Lebensweisen erleichtern.
- Stärkung der Primärversorgung: Gesundheitssysteme müssen Prävention, Früherkennung und langfristige Betreuung chronisch Erkrankter konsequenter integrieren.
Kommentar:
Die OECD-Studie verdeutlicht ein grundlegendes Dilemma moderner Gesundheitspolitik: Medizinische Innovation allein reicht nicht aus, wenn die gesellschaftlichen Lebensbedingungen krank machen. Adipositas ist kein individuelles Problem, sondern Ausdruck struktureller Entwicklungen – vom Angebot und Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel über Bewegungsmangel bis hin zu sozialen Ungleichheiten.
Das in diesem Kontext zentrale Thema der Prävention wird dabei zunehmend auch ökonomisch diskutiert. Chronische Erkrankungen gelten längst nicht mehr nur als medizinische Herausforderung, sondern zunehmend auch als Wachstumsbremse für Volkswirtschaften. Steigende Behandlungskosten, Produktivitätsverluste, Frühverrentungen und sinkende Erwerbsquoten belasten langfristig sowohl die sozialen Sicherungssysteme als auch die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Besonders problematisch ist dabei, dass viele präventive Maßnahmen tief in bestehende wirtschaftliche Interessen und Konsumgewohnheiten eingreifen. Maßnahmen gegen Adipositas etwa betreffen unmittelbar die Lebensmittelindustrie, die Werbewirtschaft oder Teile des Einzelhandels – beispielsweise durch strengere Regulierungen, Werbebeschränkungen oder fiskalische Instrumente wie Zuckersteuern. Entsprechend groß ist in diesen Bereichen häufig auch der politische und wirtschaftliche Widerstand gegen regulatorische Eingriffe. Vor diesem Hintergrund erscheint die dreigleisige Strategie der OECD zielführend, weil sie neben regulatorischen Maßnahmen auch individuelle Verantwortung berücksichtigt, Prävention insgesamt jedoch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht.
Quelle: OECD – The Health and Economic Benefits of Tackling Non‑Communicable Diseases