Patentanmeldungen in der Medizintechnik: Neue Erkenntnisse aus der BVMed-Studie

Patentanmeldungen in der Medizintechnik: Neue Erkenntnisse aus der BVMed-Studie

Die deutsche Medizintechnikbranche ist für mehr Patente verantwortlich als bislang angenommen. Das ergab eine Studie des BVMed-Instituts, die erstmals die Innovationskraft der Branche anhand der Patentanmeldungen im Zeitraum zwischen 2012 und 2022 untersuchte.

Die jährlichen Patentanmeldungen stiegen zu Beginn des Betrachtungszeitraums von rund 16.000 bis zum Jahr 2021 nahezu kontinuierlich auf etwa 21.000 an (+31 %). Für Verunsicherung sorgt der darauffolgende Einbruch im Jahr 2022: Die Zahl der Anmeldungen sank um 12,4 % auf knapp 18.500 europäische Patentverfahren, bei deutschen Patentverfahren sogar um 22 %. Aufgrund der gesetzlichen Offenlegungsfrist von 18 Monaten, während der Patentanmeldungen geheim bleiben, stehen derzeit keine verlässlichen aktuelleren Daten zur Verfügung.

Der BVMed führt den Rückgang unter anderem auf den durch die Medizinprodukte- und In-vitro-Diagnostika-Verordnung (MDR und IVDR) erhöhten Entwicklungsaufwand zurück. Aufgrund der langwierigen Zulassungsprozesse, die sich über fünf bis acht Jahre erstrecken können, reduziert sich die ursprüngliche Schutzdauer von Patenten auf lediglich rund zwölf Jahre effektiver Marktnutzung. Zudem binden MDR und IVDR personelle und finanzielle Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen.

Unabhängig von gesetzlichen Regulierungen geht der BVMed ferner davon aus, dass Unternehmen vermehrt auf Geheimhaltungsstrategien anstelle des Patentschutzes setzen und damit auf die Offenlegung technischer Lösungen verzichten. Ferner kann ein durch die Covid-19-Pandemie verursachter Verzerrungseffekt aufgrund der langen Offenlegungsfristen derzeit noch nicht ausgeschlossen werden.

Warum hat sich die Zahl der Medizintechnik-Patente im Verlauf der Betrachtung rückwirkend erhöht?

Die Zahl der Medizintechnik‑Patente ist nachträglich höher ausgefallen, weil der BVMed bei seiner neuen Analyse zusätzliche Patentklassen einbezogen und damit bisher nicht mitgerechnete MedTech‑Patente sichtbar gemacht hat. Frühere Auswertungen stützten sich im Wesentlichen auf ausgewählte IPC‑Patentklassen, wodurch nur ein Teil der tatsächlich medizintechnisch relevanten Patente erfasst wurde. In der neuen BVMed‑Institut‑Studie wurden nun alle IPC‑Bereiche berücksichtigt, die die Heterogenität der MedTech‑Branche realistisch abbilden, etwa auch Informations‑ und Kommunikationstechnik in der Medizin.

Technologische Schwerpunkte der Patentanmeldungen

Es gibt einige Technologiebereiche, denen innerhalb der Patentanmeldungen eine besondere Rolle zukommt und die prozentual dominieren:

  • Diagnostik, chirurgische Instrumente und Abdeckungen: 40 %
  • Vorrichtungen zum Einbringen von Substanzen in den Körper: 16 %
  • Prothesen, Bandagen und implantierbare Filter: 13 %

Die neu eingeführte Klasse Informations- und Kommunikationstechnik in der Medizin verzeichnet einen raschen Bedeutungszuwachs und machte 2021 bereits 11 % der Anmeldungen aus.

Während die deutsche Medizintechnik eine führende Rolle in nationalen und europäischen Patentverfahren einnimmt, ist sie im globalen Vergleich deutlich weniger präsent. Weltweit dominieren insbesondere chinesische Forschungsstandorte, auf die rund 80 % der Patentanmeldungen im betrachteten Zeitraum entfallen.

 

Kommentar:

Die neue BVMed‑Analyse macht deutlich, wie viel Innovationskraft in der Medizintechnik bislang statistisch unterschätzt wurde. Patente zu Medizinprodukten verteilen sich nicht nur auf klassische Kategorien wie Diagnostik, Implantate oder energiebasierte Therapien, sondern zunehmend auch auf die Informatik (Informations‑ und Kommunikationstechnik in der Medizin – G16H). Ein einzelnes komplexes Produkt, etwa eine vernetzte Diabetespumpe, wird deshalb gleich mehreren Klassen zugeordnet: von A61B für Diagnostik über A61F und A61N für körpernahe Anwendungen bis hin zu G16H für die Software, die Auslesbarkeit durch das medizinische Personal und die Datensicherheit.

Lange Zeit blieben diese digitalen Komponenten in der Branchenwahrnehmung und vielen Statistiken jedoch unterbelichtet. Ein zentraler Grund: Die eigene IPC‑Unterklasse G16H für medizinische Informatik existiert erst seit einigen Jahren. Zuvor „versteckten“ sich digitale MedTech‑Lösungen in allgemeinen IT‑Klassen und wurden bei reinen Medizintechnik‑Auswertungen oft gar nicht erfasst. Hinzu kommt ein traditionelles MedTech‑Verständnis, das Innovation vor allem mit Geräten, Implantaten und Instrumenten am oder im Körper verband, während Software, Apps und Datenplattformen eher als IT‑ oder eHealth‑Themen galten und damit aus vielen MedTech‑Patentstatistiken herausfielen.

Quelle: BVMed – MedTech-Patente: Mehr Anmeldungen als gedacht, aber rückläufiger Trend

Nadine Brohammer
Autor Nadine Brohammer
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