Das Primärarztsystem, das derzeit auch politisch vorangetrieben wird, findet nicht bei allen Akteuren Zustimmung. Als häufigstes Gegenargument wird eine fehlende Zahl an Hausärzten herangezogen. Mit der Primärversorgung sollte jeder Versicherte einen Hausarzt haben und ein Zugang zur fachärztlichen Versorgung nur mittels einer Überweisung vom Hausarzt möglich sein.
Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) widerspricht diesen Argumenten und zeigt auf, unter welchen Bedingungen die Hausärzte entlastet werden könnten.
Drei Stellschrauben würden genügend Ressourcen schaffen
Die DEGAM hebt vor allem drei Aspekte hervor:
- Reduktion der aktuell überbordenden Bürokratie, z. B. unsinnige Formulare
- Reduktion von Leistungen, die keinen nachweisbaren Nutzen für die Patienten haben
- Reduktion unnötiger Praxisbesuche z. B. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen bei Infekten, Besuche in jedem Quartal aus Abrechnungsgründen (Chronikerziffer, DMP) oder umstrittene Präventionen.
Rahmenbedingungen und Vergütung für Delegation schaffen
Darüber hinaus sollte der rechtliche Rahmen für mehr Delegation geschaffen werden. Viele Aufgaben in der hausärztlichen Versorgung könnten insbesondere auf die akademischen, nichtärztliche Gesundheitsberufe z. B. Physician Assistant, übertragen werden.
Aus Folge daraus muss für delegierte Aufgaben eine Vergütung erfolgen. Bisher können lediglich die Besuche durch eine NäPa abgerechnet werden. Delegierte Leistungen innerhalb der Praxis sind noch nicht definiert oder sind Teil der der ärztlichen Gebührenordnungsposition.
Auch die Digitalisierung bietet noch viel Potenzial, das nicht genutzt wird.
Veränderungen an den genannten Stellschrauben würden genügend Freiraum für die Primärversorgung schaffen. Als Blaupause könnte die HZV mit mehr als 10 Mio. eingeschriebenen Versicherten dienen.
Die Evaluation in Baden-Württemberg zeigt, dass die Versorgung der Patienten, insbesondere älterer oder chronisch Kranker sich verbessert und weniger Krankenhauseinweisungen erfolgen. Die Krankenkassen sparen dadurch viel Geld.
Kommentar:
Viele andere europäische Länder haben bereits ein Primärversorgungsystem oder bauen dies in rasantem Tempo aus, beispielsweise in Österreich.
Mit der HZV, die seit 17 Jahren in einigen Bundeländern etabliert ist, gibt es gute Erfahrungen. Die bereits mehrfach durchgeführten Evaluationen belegen die Einsparungen und bessere Versorgung.
In Deutschland äußern sich zur Primärversorgung viele Interessengruppen sehr unterschiedlich zu diesem Thema. Teilweise aus Gründen der Konkurrenz oder Befürchtung, dass der fachärztliche Versorgungsbereich dadurch benachteiligt sein könnte.
In Anbetracht der aktuellen Situation im Gesundheitswesen wäre eine gemeinsame Anstrengung aller Akteure und Selbstverwaltung in Sinne einer besseren, zielgerichteten Versorgung der Patienten dringend geboten.