Mit rund 1,7 Mio. Todesfällen pro Jahr stellen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen die dominierende Todesursache in der Europäischen Union dar. Neben der hohen Sterblichkeit führen sie aber außerdem zu erheblicher Morbidität, eingeschränkter Lebensqualität, vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit sowie zu hohen Fehlzeiten im Arbeitsleben. Die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von Produktivitätsverlusten und einer reduzierten Wirtschaftsleistung belaufen sich auf mehr als 282 Mrd. € pro Jahr.
Der Safe Hearts Plan: Ein neuer strategischer Ansatz
Vor diesem Hintergrund stellte die Europäische Kommission am 16.12.2025 erstmals einen umfassenden Aktionsrahmen zur kardiovaskulären Gesundheit in der EU vor. Der sogenannte Safe Hearts Plan ist Teil einer breit angelegten Gesundheitsstrategie und markiert den ersten koordinierten Versuch, Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf EU-Ebene strukturiert und langfristig zu adressieren.
Der Plan verfolgt einen Ansatz entlang der gesamten Versorgungskette – von der Gesundheitsförderung und Primärprävention über die Früherkennung bis hin zur Therapie, Nachsorge und Rehabilitation. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie Kindern, Jugendlichen und Frauen.
Zentrale Leitinitiativen für eine systematische Stärkung der Herzgesundheit
Der Safe Hearts Plan umfasst zehn Kerninitiativen. Dazu zählen unter anderem ein lebensbegleitendes, personalisiertes und digital unterstütztes Präventionsprogramm, die Stärkung der Verbraucherinformation im Ernährungsbereich sowie eine Modernisierung der Tabakkontrollpolitik. Ergänzt wird dies durch Maßnahmen zur Förderung gesünderer Lebensmittelrezepturen, Empfehlungen zur Impfung gegen Atemwegsinfektionen als präventivem Faktor bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie durch EU-weite Protokolle für kardiovaskuläre Vorsorgeuntersuchungen. Weitere Schwerpunkte liegen auf personalisierten Behandlungs- und Monitoringansätzen, dem Einsatz Künstlicher Intelligenz und digitaler Technologien, dem Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten sowie einem gezielten Forschungs- und Innovationsfahrplan für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Reduktion krankheitsbedingter Kosten durch strukturierte Vorsorge
Die Prävention gilt aus gesundheitsökonomischer Perspektive als die effizienteste Strategie zur Reduktion der Krankheitslast. Die erheblichen Unterschiede in der kardiovaskulären Mortalität zwischen den Mitgliedstaaten – mit bis zu achtfachen Abweichungen – verdeutlichen den dringenden Handlungsbedarf. Der Safe Hearts Plan soll die Mitgliedstaaten bei der Entwicklung oder der Weiterentwicklung nationaler Strategien unterstützen und zugleich individuelle Handlungskompetenzen der Bürger stärken. Somit zielt der Plan langfristig nicht nur auf gesundheitliche Verbesserungen, sondern auch auf eine resilientere und wettbewerbsfähigere europäische Wirtschaft ab, indem krankheitsbedingte Belastungen reduziert und Innovationen im Gesundheitssektor gefördert werden.
Kommentar:
Wie hoch der Bedarf einer internationalen Strategie zur Verbesserung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, zeigt der veröffentlichte gemeinsame Bericht von OECD und Europäischer Kommission, der aus dem EU4Health-Programm finanziert wurde. Er bietet eine detaillierte Analyse kardiovaskulärer Trends, Risikofaktoren und Versorgungspfade in Europa. Der Bericht zeigt, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen trotz erheblicher Fortschritte in Prävention und medizinischer Versorgung weiterhin die größte Krankheits- und Todeslast in der EU verursachen. Sie sind für rund ein Drittel aller Todesfälle verantwortlich und betreffen etwa 62 Mio. Menschen in der Europäischen Union. Nach jahrzehntelangem Rückgang stagnieren oder verschlechtern sich die Ergebnisse in mehreren Mitgliedstaaten, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, wo die kardiovaskuläre Mortalität deutlich höher liegt als in west- und südeuropäischen Ländern. Männer sind deutlich stärker betroffen als Frauen, sowohl bei der Gesamt- als auch bei der vorzeitigen Mortalität.
Neben den erheblichen gesundheitlichen Folgen unterstreicht der Bericht die wachsende ökonomische und strukturelle Belastung für die EU. Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen jährlich Kosten von rund 282 Mrd. €, was etwa 2 % des BIP entspricht. Über drei Viertel der kardiovaskulären Todesfälle stehen im Zusammenhang mit beeinflussbaren Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, einem ungesunden Lebensstil oder Umweltfaktoren. Vor dem Hintergrund der rasch alternden Bevölkerung und einer erwarteten Zunahme der Krankheitslast rückt die Notwendigkeit eines präventiven, integrierten und patientenzentrierten Ansatzes in den Vordergrund.
Der Safe Hearts Plan stellt deshalb einen wichtigen Meilenstein für die europäische Gesundheitspolitik dar. Positiv hervorzuheben ist die konsequent präventive und evidenzbasierte Ausrichtung sowie die explizite Berücksichtigung sozialer und regionaler Ungleichheiten. Trotzdem bleibt die Umsetzung eine erhebliche Herausforderung: Der Erfolg des Plans wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit es gelingt, nationale Gesundheitssysteme zu koordinieren, digitale Innovationen zu integrieren und nachhaltige Verhaltensänderungen auf Bevölkerungsebene zu erreichen.
Quellen: