Eine neue Studie des Bosch Health Campus in Kooperation mit dem IGES Institut zeigt, dass ohne Gegensteuern im Jahr 2040 rund ein Fünftel der 400 Landkreise hausärztlich unterversorgt sein könnten. Gleichzeitig könnten ein Drittel der Kreise die Grenze zur Überversorgung erreichen. Die Studie „Primärversorgung 2035+“ knüpft an die Bosch-Studie von 2021 an und liefert eine aktualisierte Prognose bis 2040.
Die Ausgangslage ist eindeutig. Im Jahr 2025 war bereits mehr als jeder dritte praktizierende Hausarzt 60 Jahre oder älter und die verfügbaren hausärztlichen Kapazitäten sinken seit Jahren, trotz leicht steigender Kopfzahlen, weil immer mehr Ärzte in Teilzeit oder Anstellung statt in eigener Praxis arbeiten. Bundesweit waren 2024/2025 rund 4.400 Hausarztsitze unbesetzt.
Die Prognosezahlen bis 2040
- Rund 28.300 Hausärzte (55 %) scheiden bis 2040 altersbedingt aus, dem stehen nur rund 25.700 Nachwuchs- und zugewanderte Ärzte gegenüber.
- 108 Hausarztsitze bleiben 2040 unbesetzt, das sind 20 % aller Stellen (2021 lag die Prognose noch bei 19 %).
- Die Hausarztdichte sinkt bundesweit um 5 % auf 58 Ärzte je 100.000 Einwohner.
- 75 von 400 Kreisen (19 %) gelten 2040 als hausärztlich unterversorgt (Versorgungsgrad < 75 %), weitere 15 % bewegen sich nahe der Unterversorgungsgrenze.
- Gleichzeitig erreichen 33 % der Kreise die Grenze zur Überversorgung, vor allem großstädtische Regionen.
Baden-Württemberg, das als Betrachtungsraum der Studie dient, ist überdurchschnittlich betroffen. Der Versorgungsgrad sinkt dort von 95 % (2024) auf nur noch 78 % (2040), die Hausarztdichte fällt von 58 auf 51 je 100.000 Einwohner. Besonders betroffen sind der Ortenaukreis und die Landkreise Karlsruhe, Konstanz, Lörrach und Ravensburg.
Als Stellschraube zur Verringerung der drohenden Versorgungslücke nennt die Studie mehrere Handlungsfelder. Neben einer stärkeren Prävention und einer gezielten Förderung des hausärztlichen Nachwuchses gilt der Ausbau interprofessioneller Teams und kooperativer Praxisformen als zentraler Hebel. In Baden-Württemberg zeichnet sich diese Entwicklung bereits ab. Der Anteil angestellter Hausärztinnen und Hausärzte stieg zwischen 2015 und 2025 von 11 % auf 28 %, während inzwischen 65 % der Praxen VERAHs und 31 % NäPAs beschäftigen.
Kommentar:
Den Hebel der Delegation ärztlicher Aufgaben an qualifiziertes nichtärztliches Personal untersucht eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Die im März 2026 veröffentlichte Studie „Delegation im Praxisteam“ (durchgeführt von OptiMedis) kommt anhand von zwei Praxisbeispielen zu dem Ergebnis, dass Physician Assistants und Nichtärztliche Praxisassistenz unter ärztlicher Supervision rund 65 % des sonst erforderlichen hausärztlichen Zeitvolumens übernehmen können. Rechnerisch ließe sich die Versorgungskapazität einer Praxis dadurch um bis zu 200 % steigern.
Hochgerechnet auf die bundesweite Bedarfslücke kommt die Bertelsmann-Studie zu dem Schluss, dass bis 2030 durch den verstärkten Einsatz delegierter Tätigkeiten Arbeitszeit im Umfang von rund 8.800 vollzeitbeschäftigten Hausärzten freigesetzt werden könnte. Genug, um die heute schon rund 5.000 unbesetzten Arztsitze rechnerisch zu decken.
Die beiden Perspektiven ergänzen sich damit. Während die Bosch-Studie vor allem die Kapazitätslücke auf Basis der reinen Ärztezahlen beschreibt, argumentiert die Bertelsmann-Studie, dass diese Lücke durch konsequentere Arbeitsteilung im Praxisteam deutlich kleiner ausfallen könnte, als es die reinen Vollzeitäquivalenz-Zahlen nahelegen. Beide Studien treffen sich in der Diagnose. Nicht allein die Zahl der Ärzte entscheidet über die künftige Versorgungssicherheit, sondern vor allem, wie konsequent Interprofessionalität und Delegation in den Praxisalltag integriert werden.
Quellen: