WIdO-Studie: Hybrid-DRGs mit problematischen Mengenanreizen

WIdO-Studie: Hybrid-DRGs mit problematischen Mengenanreizen

Die neuen Hybrid-DRGs führen trotz der angestrebten Verlagerung stationärer Leistungen in den ambulanten Bereich insgesamt zu höheren Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Das zeigt eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), das Abrechnungsdaten von mehr als 27 Mio. AOK-Versicherten ausgewertet, standardisiert und auf die gesamte GKV hochgerechnet hat. Demnach stiegen die inflationsbereinigten Ausgaben für die betrachteten Leistungen im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 14 % beziehungsweise rund 360 Mio. €. Als wesentliche Ursachen identifiziert das Institut sowohl Preis- als auch Mengeneffekte.

Vergütungsanreize führen zu struktureller Leistungsverlagerung in den vertragsärztlichen Bereich

Der steigende Ambulantisierungsgrad der betrachteten Leistungen – von 38 % im Jahr 2024 auf 48 % im Jahr 2025 – belegt, dass die Hybrid-DRGs grundsätzlich zur Verlagerung von Krankenhausbehandlungen in den ambulanten Bereich beitragen. Zu den erwarteten Einsparungen für die GKV hat dies bislang jedoch nicht geführt. Dafür sind vor allem drei Effekte verantwortlich:

  1. Begrenzte tatsächliche Ambulantisierung: Rund 266.000 Hybrid-DRG-Fälle wurden 2025 weiterhin mit Übernachtung im Krankenhaus behandelt. In diesen Fällen änderte sich vor allem die Vergütungsform, nicht aber die Versorgung.
  2. Höhere Vergütung bereits ambulant erbrachter Leistungen: Die Hybrid-DRGs umfassen auch Eingriffe, die Krankenhäuser und Vertragsärzte schon zuvor ambulant nach AOP-Katalog oder EBM erbracht hatten. Diese Fälle ersetzen keine stationäre Behandlung, werden über die Hybrid-DRG aber teilweise deutlich höher vergütet.
  3. Starke Mengenausweitung: Im vertragsärztlichen Bereich stiegen die Fallzahlen des betrachteten Leistungskorbs sprunghaft an. Die Vergütung fördert damit nicht nur die gewünschte Verlagerung, sondern setzt offenbar auch Anreize für zusätzliche Leistungen.

Insgesamt wurde hierdurch der ausgabensenkende Preiseffekt von 56 Mio. € durch den ausgabensteigernden Mengen- und Struktureffekt von 429 Mio. € deutlich überkompensiert.

Diese Entwicklung setzte sich im ersten Quartal 2026 fort. Zum Jahresbeginn wurde der Katalog von 22 auf 69 Hybrid-DRGs (904 OPS, bis zu zwei Tage Verweildauer) erweitert. Gegenüber dem ersten Quartal 2025 erhöhte sich die Zahl der betrachteten Behandlungsfälle um 5 %; zugleich stiegen die inflationsbereinigten Ausgaben um 7 % beziehungsweise rund 160 Mio. €. Sollte sich dieser Trend in den folgenden Quartalen fortsetzen, rechnet das WIdO für das Gesamtjahr 2026 mit zusätzlichen Ausgaben von rund 640 Mio. €.

 

Kommentar:

Trotz der Mengenausweitung ist das grundsätzliche Substitutionspotenzial längst nicht ausgeschöpft. Nach einer Barmer-Auswertung hätte im vergangenen Jahr etwa jeder fünfte vollstationäre Behandlungsfall ambulant versorgt werden können. Eine Erweiterung ambulanter und sektorengleicher Vergütungsmodelle erscheint daher weiterhin sinnvoll. Sie muss jedoch mit einer wirksamen Mengensteuerung verbunden werden. Das WIdO spricht in diesem Zusammenhang von einem „grundsätzlichen Dilemma“: Die Vergütung muss attraktiv genug sein, um stationäre Leistungen in den ambulanten Bereich zu verlagern, darf aber keine ungerechtfertigte Ausweitung der Eingriffszahlen auslösen. Das Institut empfiehlt deshalb Mengendeckel oder degressive Vergütungselemente, zeitnahe regelgebundene Preisanpassungen und ein sektorenübergreifendes Versorgungsmonitoring.

Quellen:

Dr. Elisabeth Leonhard
Autor Dr. Elisabeth Leonhard
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